Kinder- und Jugendhilfe in der Krise
Die Mitarbeiter:innen sind am Limit, vor Weihnachten gab es sogar einen Aufnahmestopp in den Krisenzentren. Wir fordern eine Neuaufstellung.
Allein in den Jahren 2022 bis 2024 ist die Zahl der Gefährdungsabklärungen aufgrund von Vernachlässigung, psychischer und physischer Gewalt von 11.995 auf 13.181 gestiegen, das sind um 10 Prozent mehr – ein Signal für wachsende Belastungssituationen in Familien. Gleichzeitig sank die Zahl der Mitarbeiter:innen in der Kinder- und Jugendhilfe auf ihren Tiefststand.
Die Belastung der Mitarbeiter:innen der MA 11 ist enorm hoch: Der Wiener Stadtrechnungshof empfiehlt zum wiederholten Mal die lückenlose Einhaltung der Ruhe- und Ausgleichsruhezeiten, sowie bessere Arbeitszeiten und -bedingungen, insbesondere in den Krisenzentren und sozialpädagogischen WGs.
„Es reicht nicht mehr, auf neue Skandale nur mit Betroffenheit zu reagieren. Hier zeigt sich ein Versagen der verantwortlichen NEOS-Stadträt:innen Emmerling und zuvor Wiederkehr.“
Judith Pühringer Stadträtin, Parteivorsitzende, Sprecherin für Arbeitsmarkt und Menschen mit Behinderung
Krisenzentren chronisch überfüllt
Trotz diverser Maßnahmen, die die MA11 zur Vermeidung von Überbelegungen gesetzt hatte, sind die Krisenzentren chronisch überfüllt: Laut Stadtrechnungshofbericht wurde für das 2023 eine Durchschnittsauslastung von rd. 112 Prozent verzeichnet, im ersten Halbjahr 2024 sogar eine von rund 120 Prozent. In den Krisenzentren wurden großteils statt den vorgesehenen 8 Kindern bis zu 13 Kinder aufgenommen.

Derart stark überbelegte Krisenzentren bieten keinen adäquaten Rahmen für die Betreuung von Minderjährigen, die sich in einer hoch belastenden Situation befinden. Dies veranlasste den Stadtrechnungshof zur Empfehlung, mit Nachdruck wirksame Maßnahmen zur Einhaltung der Gruppenhöchstzahlen zu setzen, um dieser Entwicklung gegenzusteuern.
„Der dauerhafte Personalnotstand in der MA11 und die überbordenden Aufgaben für die Mitarbeiter:innen lassen kaum vertiefende Betreuung zu. Statt mit ambulanten Angeboten Prävention auszubauen, bleibt meist nur mehr, in Notfällen Feuerwehr zu spielen.“
Ursula Berner Landtagsabgeordnete, Sprecherin für Kultur, Familie und Erinnerungspolitik
Die sieben im Jahr 2025 an Drogenkonsum verstorbenen Jugendlichen zeigen die drastische Situation: Es fehlt sowohl an Prävention als auch an spezifischen Angeboten für suchtkranke Kinder und Jugendliche und einer besseren Ausstattung der MA11.
Neuaufstellung der Kinder- und Jugendhilfe
Eine neue MA11 muss fachlich begleitet, evaluiert und mit ausreichend Ressourcen ausgestattet sein. Eine Neuaufstellung muss der Lebensrealität des urbanen Umfelds und der Belastung Jugendlicher gerecht werden und umfasst unter anderem:
- Bessere Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung: Die Pädagog:innen brauchen endlich eine Bezahlung, die ihrer Verantwortung gerecht wird, sowie die Einhaltung der Ruhe- und Erholungszeiten. Ein sogenanntes „Safe Recruitment“ würde den gesamten Aufnahmeprozess von Personal nach Kinderschutzkriterien vollziehen.
- Entbürokratisierung & Handlungsspielräume: Professionelle Arbeit mit hochbelasteten Jugendlichen funktioniert nicht mit Aktenschränken, sondern mit Vertrauen, Zeit und guter Supervision.
- Ausbau qualitativ hochwertiger ambulanter Angebote für Familien, sodass Sozialarbeiter:innen eine echte Wahl haben und nicht Kinder in die Krisenpflege nehmen, weil es keine ausreichenden ambulanten Unterstützungsangebote für Familien gibt.
- Vorrang von Kleinstgruppenbetreuung statt Groß-WGs: Groß-WGs mit 8 bis 13 Jugendlichen sind aus der Zeit gefallen. Für besonders gefährdete Jugendliche braucht es Einzelbetreuung und individuell zugeschnittene Wohnformen unter dem Motto: „Raus aus dem Milieu – rein in die engmaschige sozialpädagogische Begleitung“. Auch eine Initiative für mehr Krisenpflegeeltern würde Abhilfe schaffen.
- Neuaufsetzung der Krisenzentren: Der Überbelag der Krisenzentren entsteht, weil diese Einrichtungen zu viele Aufgaben gleichzeitig erfüllen müssen. Hier braucht es dringend eine systematische Neuaufstellung. Ein überbelegtes Krisenzentrum mit angespannter Personalsituation kann nicht allen Gruppen gerecht werden.
Darüber hinaus braucht es:
- Schwerpunkt Prävention von (sexualisierter) Gewalt: Wien braucht mehr spezialisierte Einrichtungen, Schutzkonzepte und Bildungsangebote zu sexualisierter Gewalt – in Schulen, Heimen und Sportvereinen. Auch der weitere Ausbau der Frühen Hilfen ist notwendig.
- Mehr Ausbildungsplätze für Sozialarbeit: Die Wartelisten an den Fachhochschulen sind lang, es gibt also genug Menschen, die diesen Job ergreifen möchten. Es fehlen allerdings die Ausbildungsplätze.
- Wiedereinführung des Jugendgerichtshofs: Ein modernes Jugendstrafrecht braucht Institutionen, die auf Jugendliche zugeschnitten sind. Der Jugendgerichtshof war ein europaweites Vorbild. Seine Wiedereinführung ist überfällig.