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am 1. Dezember 2016

Ein Stück lebendiger Zeitgeschichte

Martin Margulies - Manche Wiener Straßen tragen seit Jahrzehnten die Namen von Menschen, nach denen man aus heutiger Sicht keine Straße mehr benennen würde. Jetzt kommen Zusatztafeln.

Zusatztafeln
Oliver Rathkolb, Martin Margulies, Susanne Bluma, Andreas Mailath-Pokorny
Zusatztafel
Zusatztafel

Erinnert ihr euch an die von der Stadt Wien beauftragte Studie der HistorikerInnenkommission unter der Leitung des Zeithistorikers Oliver Rathkolb? Ihre kritische Untersuchung von 4.300 personenbezogenen Wiener Straßennamen war einmalig für eine europäische Metropole. Das Ergebnis: 170 Straßennamen wurden als problematisch eingestuft, 28 davon als Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf. Für sie hat die Stadt Wien Textvorschläge für Zusatztafeln erarbeiten lassen, die historisch korrekt, aber auch einheitlich und verständlich sind. Die erste Tranche von Zusatztafeln wird nun in den betroffenen Bezirken 1, 3, 10, 14, 21 und 23 angebracht.

„Zusatztafeln stellen bei historisch belasteten Straßennamen einen Kontext her und sind damit ein kleiner, aber wesentlicher Bestandteil lebendiger Zeitgeschichte.“
​Martin Margulies

Die heute präsentierten Zusatztafeln verdeutlichen den verharmlosenden Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus, der insbesondere in den Nachkriegsjahr-zehnten gepflegt wurde.

Die Texte der Zusatztafeln

  • 1., Wiesingerstraße

Dr. Albert Wiesinger (1830-1896)

Seelsorger, Chefredakteur der "Wiener Kirchenzeitung" und Pionier des katholischen Journalismus. Jedoch bahnten Wiesingers scharfe antijüdische Polemiken dem Rassenantisemitismus den Weg. Er distanzierte sich allerdings später davon.

  • 1., Dr.-Karl-Lueger-Platz
  • 14., Dr.-Karl-Lueger-Brücke

Dr. Karl Lueger (1844-1910)

Gründer der Christlich-Sozialen Partei. 1897-1910 Bürgermeister. Mitgestalter Wiens zu einer modernen Großstadt. Kritisch bewertet werden muß sein populistischer Antisemitismus, der ein politisches Klima förderte, welches die Verbreitung des Nationalsozialismus begünstigte.

  • 3., Stelzhamergasse

Franz Stelzhamer (1802 - 1874)

Mundartdichter, Lyriker und Autor von Novellen. Verfasser der oberösterreichischen Landeshymne. Viele seiner Texte sind geprägt von antisemitischen Stereotypen.

  • 10., Dr.-Eberle-Gasse

Dr. Konrad Eberle (1903 - 1961)

Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Mitbegründer der „Vereinigung Österreichischer Ärzte“ und Wiener Gemeinderat. Er denunzierte mehrfach mit antisemitischen Argumenten einen Berufskollegen.

  • 10., Weldengasse

Franz Ludwig von Welden (1780 - 1853)

Offizier, Militärschriftsteller und Direktor des Topographischen Büros. 1848-1851 Gouverneur im nachrevolutionären Wien. Maßgeblich verantwortlich für die rigorose Verfolgung von Oppositionellen.

  • 14. Müller-Guttenbrunn-Strasse

Dr. Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923)

Dramatiker, Romanschriftsteller und Feuilletonist. Erster Direktor des Raimundtheatersund des Kaiser-Jubiläums-Stadttheaters (heute Volksoper). Förderte die Aufführung von Wiener Volksstücken. Kritisch betrachtet werden müssen jedoch seine antisemitisch gestalteten Spielpläne.

  • 14. Josef-Schlesinger-Straße

Dr. Josef Schlesinger (1831-1901)

Mathematiker, Naturphilosoph und Rektor der Hochschule für Bodenkultur. Schlesinger erwarb sich Verdienste um die Neuordnung des Geodäsieunterrichts. Problematisch in seiner Biografie ist, dass er sich als christlich-sozialer Politiker einer aggressiven antisemitischen Rhetorik bediente.

  • 21., Robert-Lach-Gasse

Univ.-Prof. Dr. Robert Lach (1874-1958)

Musikwissenschaftler, Komponist und Musikethnologe. Betrieb vergleichende Forschungen zu inner- und außereuropäischer Musikrichtungen. Problematisch in seiner Biografie sind seine NSDAP-Mitgliedschaft seit 1933 und sein extremer Antisemitismus.

  • 21., Spundagasse

Prof. Dr. Franz Spunda (1890-1963)

Lehrer, Schriftsteller und Petrarca-Übersetzer. Publizierte zahlreiche historische Romane zu Themen des Okkultismus. Kritisch bewertet werden müssen seine Mitgliedschaft bei der NSDAP und beim "Bund deutscher Schriftsteller Österreichs", einer NS-Tarnorganisation.

  • 23., Manowardagasse

Josef von Manowarda (1890-1942)

Opern- und Konzertsänger, Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Große Erfolge in Opernaufführungen von Wagner, Strauss und Mozart. Problematisch in seiner Biografie ist seine aktive nationalsozialistische Betätigung ab 1933.

  • 23., Maria-Grengg-Gasse

Maria Grengg (1888-1963)

Malerin und Verfasserin von Heimatromanen und Märchen, die sie auch selbst illustrierte. Erhielt 1936 den österreichischen Staatspreis für Literatur. Problematisch in ihrer Biografie sind ihre Mitgliedschaft in der NSDAP und ihr offener Rassismus.

  • 23., Pfitznergasse

Hans Pfitzner (1869-1949)

Deutscher Dirigent, Opernregisseur, Pianist und Komponist mit Wahlheimat in Wien und Salzburg. Problematisch in seiner Biografie ist, dass er zeitlebens ausgeprägter Antisemit und Verharmloser von Nazi-Verbrechen war.

  • 23., Porschestraße

Prof. Dr. Ferdinand Porsche (1875-1951)

"Vater des Volkswagens" und des “Porsche". Er beeinflusste durch zahlreiche Erfindungen die Geschichte des Autos. Problematisch in seiner Biografie sind seine Mitgliedschaft bei NSDAP und SS, die Beschäftigung von ZwangsarbeiterInnen sowie seine Tätigkeit in der NS-Rüstungsindustrie.