Die Grünen

Dienstag, 9. Februar 2010

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Linux: The Empire strikes back

03.06.2008 16:08

 

Die Wiener Open Source-Strategie steht auf Messers Schneide. Morgen im Gemeinderat wird vermutlich ein schwerer Rückschlag beschlossen werden.

Betrübliche Neuigkeiten: im Gemeinderat am 4. Juni wird ein schwerer Rückschlag für die Linux-Umstellung der Stadt auf der Tagesordnung stehen und vermutlich gegen die Grünen Stimmen beschlossen werden...

Was bisher geschah

Seit 2005 bietet die Stadt Wien ihren MitarbeiterInnen am Arbeitsplatz Open Source-Alternativen zu bisher verwendeter proprietärer Software an - die Debian-Variante Wienux, OpenOffice.org statt MS Office und Firefox als Ersatz für den Internet Explorer. Im Zuge einer "sanften Migration" dürfen die Magistratsabteilungen selbst wählen, welche Komponenten sie verwenden wollen - allerdings gibt es von der Stadt weder offensive Signale noch finanzielle Unterstützung zum Wechsel.

Von den laut MA14 32000 Rechnern in der Wiener Verwaltung setzen derzeit gerade mal 1000 Wienux ein, OpenOffice.org ist auf 15000 Computern installiert. Derzeit laufen die Rechercheterminals der Wiener Bibliotheken auf Wienux, genauso wie die 750 Verwaltungs- und pädagogischen Arbeitsplätze in den Kindergärten.

Schwerer Rückschlag – von Linux wieder auf Microsoft

Genau die Kindergarten-Rechner, die von der Stadt gerne als Vorzeigeprojekt verwendet werden, und das erste Migrationsprojekt waren, sollen jetzt allerdings auf Wunsch des Stadtschulrats von Linux auf Windows Vista quasi "rück"-migriert werden - um eine Software zur Spracherhebung einzusetzen, die derzeit nur mit dem Internet Explorer nutzbar ist.

Schon im Februar hat ein Subventionsantrag der MA14 (EDV Abteilung der Stadt), welcher im Gemeinderat gegen die Stimmen der Grünen bewilligt wurde, unsere Alarmglocken schrillen lassen: in dem Antrag auf 7,6 Millionen Euro für Softwarelizenzen wurde ein Umstieg vom auslaufenden Windows 2000 auf Windows Vista und Office 2007 in den nächsten zwei Jahren deutlich.

All dies findet ein paar Monate vor Veröffentlichung der neuen STOSS2-Studie statt, die eigentlich die weitere Migration auf Open Source-Systeme und Software klären soll.

Die oben genannte Spracherhebungssoftware wird laut MA14 ab 2009 auch im Firefox einsetzbar sein. Und eine Migration von Windows 2000 auf Windows Vista ist, nachdem sich das System in Wirtschaft und Verwaltung aufgrund technischer Probleme, hoher Hardwareanforderungen und unklarer Sicherheit bisher nicht durchsetzen konnte, keine klare Entscheidung - vor allem, da Microsoft selber bereits Werbung für den Nachfolger, Windows 7, macht, der Anfang 2010 auf den Markt kommen soll - genau der Zeitpunkt, zu dem die Migration auf Vista abgeschlossen sein soll.

Bisherige Umstiegsstrategie gescheitert

Die bisherige Umstellung der Arbeitsplätze erfolgte ausschliesslich auf Basis von Freiwilligkeit und Kostenanreiz. Der Einsatz von Open Office statt MS Office spart hier beispielsweise 62€ - ein Marginalbetrag der Gesamtkosten eines neuen Systems von rund 1500€.

Das zeigt wie wenig wichtig der Stadt der Umstieg auf Linux ist... Nicht sehr. Denn ohne deutliche Anreize tut sich die MA14 schwer, Überzeugungsarbeit zu leisten und den Umstieg wirklich voranzutreiben. Der geringe Erfolg bisher zeigt, dass diese Strategie nicht ausreichend ist. Und die Rückmigration von Linux auf Microsoft in den Kindergärten ist ein schwerer Rückschlag.

Die politische Lage

Die STOSS2-Studie, die im Sommer 2008 erscheinen soll, wird den derzeitigen Stand der Migration aufzeigen und weitere Vorgehensweisen vorschlagen. Bereits in der ersten Studie war die Unterstützung für eine schrittweise Umstellung auf Linux und freie Software bei gleichzeitger Problemlösung und Entwicklung notwendiger Software deutlich. Auch die europäische Komission rät in einem Strategiepapier, das seit 2000 besteht und regelmäßig aktualisiert wird, zum Einsatz von FOSS (Free and Open Source Software) in der Verwaltung und stellt ihre Systeme graduell auf offene Standards um.

Unsere Forderungen

Freie Software, freie Standards, offene Systeme - all das ist die Zukunft, sagen unzählige Studien, Länder und die EU. Während München in diesem Bereich zielorientiert und mit den ausreichenden Mitteln vorgeht, ist das Verhalten der Stadt Wien bestenfalls als erratisch zu bezeichnen. Anstatt die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen und Entwicklungen voranzutreiben, werden ein paar Rechner hier und da migriert, nur, um dann in einer Blitzaktion doch wieder auf Windows umgestellt zu werden.

Die Lizenzkosten für 750 Kindergartenrechner betragen über 100000 Euro - mit einem Bruchteil dieses Geldes hätte man den Hersteller der Spracherhebungssoftware wohl dazu bringen können, sein Produkt schneller als 2009 für Firefox verfügbar zu machen - nicht nur wäre das ein deutliches Signal für die Wirtschaft gewesen, sondern auch ein klares Bekenntnis zu Open Source. Gleiches gilt für die Schul- und Verwaltungslizenzen.

In den 2 Jahren und mit den 7,6 Millionen, die der Umstieg auf Vista braucht, wäre es möglich freie Alternativen zu entwickeln, die Wien längerfristig von der Lizenzpolitik eines einzelnen Konzerns lösen. Von den über 8000 IKT-Unternehmen in der Region Wien stellen über 1000 selber Open Source-Software her - warum investiert man hier nicht? Der Erfolg des letztjährigen IKT Calls des Zentrum für Innovation und Technologie (ZIT) – der als grün-rotes Projekt von uns mitinitiiert wurde, zeigt: das wirtschaftliche Potential ist am Standort Wien groß.

Es mutet merkwürdig an, wenn Stadtrat Rudolf Schicker trotz aller Bekenntnisse der Stadt zu Open Source eine Millionenbestellung bei Microsoft genehmigt. Der Ankauf von Schullizenzen wird damit begründet, dass "Kindern und Jugendlichen eine [...] zukunftsorientierte Ausbildung" ermöglicht werden soll. Anstatt hier anzusetzen, einerseits durch die Entwicklung von Lernsoftware, andererseits durch eine direkte Auseinandersetzung mit dem Medium Computer, lehrt man sie Tabellen und Briefe zu schreiben. Das mag eine notwendige Grundlage für die neue Arbeitswelt sein, von zukunftsorientierter Ausbildung ist es meilenweit entfernt.

Eine Stellungnahme der Wiener Wirtschaftskammer fordert von der Stadt "sichtbares politisches Commitment" und "Schwerpunkte und Supportprogramme im Bereich der Kindergärten und Schulen" im Interesse der Wiener IT-Wirtschaft - diese Botschaft ist offensichtlich nicht angekommen.

Wir fordern daher eine politische Diskussion im Gemeinderat und im zuständigen Ausschuss und Entscheidung über die weitere Vorgehensweise nach dem Erscheinen der dafür grundlegenden Studie STOSS2 im Herbst 2008. Einen entsprechenden Antrag bringen wir im Gemeinderat am 4. Juni ein. Eine Entscheidung ausschliesslich auf Ebene der IT-Strategieabteilung der Magistratsdirektion ist aus unserer Sicht auf diese emminent politische und standortpolitische Frage nicht ausreichend.



 

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KOMMENTARE

Dein Kommentar
markusw meinte am 05.06.2008 Antworten

Ich bin, ehrlich gesagt, entsetzt über diese unprofessionelle Aktion. Ich hätte derartiges nicht von den Grünen erwartet. Es ist gut und wichtig, OSS zu fördern. Aber nicht um jeden Preis, und AUF KEINEN FALL zu Lasten des Steuerzahlers. Die von den Grünen mitinitiierte Studie der Stadt Wien zum Thema Linux Umstieg zeigt aber klar, daß sich ein Umstieg nicht rechnet. Außerdem hat ja Herr Kofler an der Studie mitgerabeitet, und jetzt zweifelt man das Ergebnis an??? Ich bin von der Aktion angewidert, weil der Eindruck entsteht, daß man auch Grün- PolitikerInnen von Sachthemen fernhalten muß. Ich arbeite selbst in der IT Branche, und diese unprofessionelle, demagogische Aktion hat mir zu denken gegeben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich wieder Grün wählen werde, wenn ihr nicht schafft Sachthemen sachlich anzugehen. Ich bin schwer enttäuscht.

mcrmcr antwortete am 05.06.2008

Eine Software welche nur mit dem System eines Herstellers läuft hat im öffentlichen Bereich nichts verloren.
Und wir finanzieren diese Abhängkeit noch mit unseren Steuern. Es gibt kein vernüftiges Argument für diese Vorgansweise ausgenommen der "schwarzen Koffer" die wahrscheinlich wieder einmal den Besitzer gewechselt haben.
Statt in die örtliche IT Firmen zu investieren überweisen wir wieder einmal M$ Steuer nach Redmon.
Gratuliere !!!

ruth antwortete am 05.06.2008

Der Poster, der sich da so entsetzt zeigt, hat den Artikel aber nicht genau gelesen... Der Steuerzahler und die Steuerzahlerin berappen ja gerade die teuren Mikrosoft-Lizenzen. Ein Hersteller, der so arbeitet, dass seine Produkte nur auf Internet-Explorer laufen muss lernen, das schleunigst zu ändern, anstatt auch noch mit Aufträgen der Stadt Wien gefüttert zu werden. - Und es ist wahrlich schwer nachzuvollziehen dass jemand ausgerechnet Windows Vista um gutes Steuergeld anschaffen will!

markusw antwortete am 05.06.2008

@ruth: Diese Anwendung wurde ja vom Stadschulrat in Auftrag gegeben, Jahre bevor die Linux Umstellung in den Kindergärten durchgeführt wurde. Niemand testet solche Anwendungen auf Linux- lauffähigkeit, wenn es keine explizite Anforderung ist. Als Steuerzahler verwehre ich mich dagegen, daß ich die Eitelkeit einer nicht (Enterprise-IT) qualifizierten Grünpoliterkin mitfinanziere. Die Grünen haben an der Studie der Stadt Wien mitgearbeitet, die zeigt, daß sich eine Umstellung Richtung Linux nicht rechnet, sondern massive Mehrkosten erzeugt (auch langfristig). Dessen ungeachtet betreibt Frau Ringler eine Schmutzkübel Kampagne gegen die MA14. Die aber einen hochprofessionellen, wirtschaftlich einwandfreien IT Betrieb führt. Der in den Aussendungen unterschwellige, aber unbewiesene Vorwurf (Korruption, Geschenkannahme) ist dann noch das allerletzte. Es wäre besser, man würde zur Förderung von OSS sinnvolle Maßnahmen im KMU Bereich setzten. Was da jetzt läuft, ist jedenfalls letztklassig.

markusw antwortete am 05.06.2008

@mcrmcr: Das mit der Umwegrentabilität ist auch so eine Sache. Beim Projekt der Stadt München ging der Löwenanteil an - die IBM (der typische kleine lokale OSS IT Dienstleister). Ich bin jedenfalls deswegen enttäuscht, weil hier billiger Aktionismus auf Kosten ausgezeichnet arbeitender IT Profis gemacht wird. Wenn Frau Ringler kein tragfähiges Konzept zu dem Thema hat, soll sie sich ein anderes als Profilierungsfeld suchen.

ListigerFuchs meinte am 04.06.2008 Antworten

Während ander von Windows weg wollen treibt es Wien wieder zurück. Ist ja auch bei einem derart 'perfektem' Produkt wie Vista voll verständlich.
Gut dass man bereits bei jeder Autobahneinfahrt gewarnt wird...
"...Wien ist anders"

 

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